Frühlings-Spaziergang

Jeder Frühling trägt

den Zauber eines Anfangs in sich.

                                                                 -Monika Minder-

 

Wir treffen uns an einem sonnigen Vormittag Ende April am Brunnen vor dem Rathaus in Schönau am Königssee. Für heute hat sich eine nette, kleine Gruppe angemeldet. Eine Nachbarin mit Ihrer Freundin, ein Ehepaar aus Bischofswiesen und drei Patienten aus der Schönklinik. Nach einer kurzen Vorstellrunde spazieren wir los in Richtung Gradierwerk. Gleich am Ende des Parkplatzes leuchten uns aus dem Kiesboden schon die ersten Frühjahrsboten hellgelb und strahlend entgegen:

 

Huflattich (Tussilago farfara)

Sobald die ersten Sonnenstrahlen im Frühling die ersten Flecken Erde vom Schnee befreit haben spitzt der Huflattich aus dem Boden. Seinen gelben, hübschen ein wenig zerzausten Blüten leuchten uns schon von Weitem entgegen. Erst später, wenn er verblüht ist und seine Samen mit den Fallschirmchen auf die Reise geschickt hat bildet der Huflattich seine handgroßen, hufeisenförmigen Blätter aus. Auf der Oberseite ganz ledrig, auf der Unterseite filzig behaart sitzen sie auf langen Stielen und werden von Kindern gerne zum Basteln verwendet. Leicht lässt sich daraus ein Körbchen machen, in dem zum Beispiel Erdbeeren, die nicht gleich in den Mund wandern, gesammelt werden können. Mit ihrem lateinischen Namen „Tussilago farfara“ verrät diese Pflanze ihre Fähigkeiten: "Tussis" bedeutet Husten und "ago" ich vertreibe. Und genau das tut der Huflattich: Husten, Heiserkeit, Katarrhe haben keine Chance. Er wird auch Tabakkraut genannt, weil seine getrockneten Blätter früher gerne als Tabakersatz geraucht wurden. In den 90er Jahren wurden in Huflattichpflanzen Pyrollizidinalkaloide gefunden, die in größeren Mengen die Leber schädigen. Wer auf der sicheren Seite sein möchte, kann Huflattich auch Pyrollizidin-frei in der Apotheke kaufen.

 

„Das Sonnenkraut für Licht,

Durchatmen und Gelassenheit“

 

Nach ausgiebiger Betrachtung der hübschen, kleinen Blume spazieren wir weiter den Hügel hinauf und entdecken kurz unterm Gradierwerk eine, uns allen schon seit Kindheitstagen bekannte, Heilpflanze. Meine Nachbarin legt auch gleich los: „Er liebt mich, er liebt mich nicht… – das haben wir früher immer damit gespielt. Und Blumenkränze für unsere Haare gewunden.“ Ja, da werden Kindheitserinnerungen wach:

 

Gänseblümchen (Bellis perennis)

Das Gänseblümchen blüht das ganze Jahr über, kann sogar starken Frost gut überstehen und streckt sein weißes Köpfchen, sobald es nur wenig wärmer wird, der Sonne wieder entgegen. Das Gänseblümchen ist ein guter Wetter-Zeiger, denn bei Regen bleiben die Blüten geschlossen.

Das hübsche Blümchen wird auch „Arnika der Kinder genannt“, da es auf sanftere Weise lindert, als es seine große Schwester, die Arnika, macht. Das Gänseblümchen löst sanft den Schleim bei Husten, kühlt blaue Flecke, hilft bei Schürfwunden und mildert Juckreiz. Wie alle Frühjahrsblüher hat es blutreinigende und regenerierende Eigenschaften. Wer im Frühjahr vor drei Gänseblümchen niederkniet und sie mit dem Mund vom Boden weg isst, der bleibt das ganze Jahr von Krankheiten verschont.

 

„Sonnenauge, Tausendschön, bist so heiter anzuseh`n.

Reinheit, das ist deine Kraft, lachst kinderfrisch,

wirkst sonnenhaft.  

 

Unsere nächste Pflanze müssen wir hier am sonnigen Hanauerstein ein bisschen suchen. Sie mag es eher feucht und man findet sie gerne an Waldrändern, in Wäldern, unter Büschen und an schattigen Plätzen. Wir gehen beim Gradierwerk den rechten Weg und schon finden wir ihn unter einer Hecke:

 

Bärlauch (Allium ursinum)

Nicht lange nach dem Huflattich sprießen auch schon die ersten Bärlauch-Blätter aus dem Boden. Der Bärlauch ist für uns ein wichtiges Stärkungsmittel nach dem Winter, weil er unsere Abwehrkräfte stärkt, unseren Körper durchputzt und das Blut reinigt.

Schon immer wurden Pflanzen, die den Namen „Bär“ in sich tragen Bärenkräfte zugesprochen. Diese Kräfte haben eher damit zu tun, dass sie den Winterblues und die Frühjahrsmüdigkeit vertreiben und unsere Lebensgeister wiederbeleben. Obwohl der intensive Geruch typisch für den Bärlauch ist, ist er leider als Unterscheidungsmerkmal nicht geeignet. Da die ganze Luft um eine Bärlauch-Fläche mit dem Duft getränkt ist, und auch die eigenen Finger bald nach Knoblauch riechen, würden geruchlose Blätter dazwischen überhaupt nicht auffallen. Ein besseres Merkmal ist die Beschaffenheit der Pflanzen:

 

Bärlauch:

mattgrün, weich, deutliche Gliederung, lanzettähnliche Blattfläche und dünnen Blattstiel - die Blätter wachsen einzeln aus dem Boden - die Rispe auf der Blattunterseite knackt beim frischen Bärlauch, wenn man sie abbricht.

 

Maiglöckchen:

dunkelgrün, fest, glänzen auf der Blattunterseite - wachsen paarweise am Stengel -umfassen den Stiel der länger aus dem Boden ragt - giftig.

 

Herbstzeitlose:

die Blätter sehen schmal länglich-lanzettlich aus, wachsen direkt am im Boden befindlichen Stengel - kein Blattstiel - wachsen zu mehreren Blättern aus einem Stengel, die jüngeren Blätter werden dabei von den älteren umhüllt - hochgifitg!

 

Am besten wäre es natürlich sich bei einem Kräuterspaziergang die Unterschiede zeigen und erklären zu lassen. Wenn Ihr diese einmal gesehen habt, seit Ihr sicherer im Unterscheiden der Pflanzen! Ich hoffe, das wir bald wieder gemeinsam Kräuter-Spazieren können.

 

„Bärlauch im Mai

erspart das ganze Jahr den Arzt und die Arznei“

 

Wir wandern wieder zum Gradierwerk zurück, daran vorbei und den Berg hinauf. Dabei tauschen wir uns über die verschiedenen Verwendungsmöglichkeiten vom Bärlauch aus: als Butter, Salz, Öl, Suppe, frisch auf dem Brot, die Wurzelknöllchen eingelegt in Öl, die Blütenknospen angebraten, wie Chips – es gibt unendlich viele Möglichkeiten, den gesunden Bärlauch in der täglichen Küche zu verwenden.

 

Franz, der einzige Mann in unserer Gruppe bleibt vor unserem nächsten Heilkraut stehen und meint: „Den hat uns früher unsere Oma immer als Honig auf`s Brot geschmiert.“

 

Gewöhnlicher Löwenzahn (Taraxacum officinale)

Strahlend wie kleine Sonnen leuchten die Blüten des Löwenzahns auf den Wiesen. Die gezähnten Blätter des Löwenzahns erinnern stark an die scharfen Zähne eines Löwen und die Blüten an seine Mähne. Die Volksmedizin rühmt den Löwenzahn als ein wahres Wundermittel. Es macht uns stark wie einen Löwen! Die kräftige Pflanze treibt seine Pfahlwurzeln tief in den Boden und kann sogar Asphalt sprengen. Wie viele Frühlingspflanzen hat der Löwenzahn eine ausgeprägte blutreinigende Kraft und eignet sich daher vorzüglich zu einer Frühjahrskur. Er regt sämtliche Verdauungsorgane und Niere und Blase an, dadurch werden alte Schlacken ausgeschieden. Aus den gleichen Gründen hilft er auch bei Rheuma. Für Kinder ist der Löwenzahn eine wunderbare Pflanze – aus den Stielen können sie im Wasser Kringel entstehen lassen, die Blüten zu Löwenzahnhonig verarbeiten, die Blätter im Salat oder auf dem Butterbrot essen und zu allerletzt mit den Pusteblumen „Engerl und Teuferl“ spielen: bei wem bleibt nach dem Wegpusten der Fallschirmchen ein schwarzer Fleck auf dem Blütenboden? Der ist das Teuferl!

 

Du schlichtes Frühlingsblum'

Gelber Ruhm – Bienenweide
Auch im Verblühen eine Augenweide

Überzeugend im Wiesentanze
Du Heil- und Liebespflanze. 
-Monika Minder-

 

Gleich neben dem Löwenzahn erwecken kleine lila Blümchen unsere Aufmerksamkeit. Sie wachsen auf langen, kriechenden Ranken mit kleinen herzförmigen Blättchen. Eine unscheinbare, oft als Unkraut verrufene und doch so heilkräftige Pflanze:

 

Gundelrebe (Glechoma hederacea)

Die Gundelrebe kriecht gerne über Mauern und rankt sich an Zäunen und Stufen empor, daher auch der Name „Erdefeu“. Die Gundelrebe ist eine wunderbare Pflanze, in deren Name „Gund“ – das bedeutet im Althochdeutschen Eiter – schon Auskunft über die heilenden Eigenschaften gibt. Die Gundelrebe leitet Eiter aus und unterstützt somit die Heilung von eitrigen Haut- und Lungenleiden. Die Pflanze wirkt schleimlösend und kann hervorragend bei Rachenkatarrh, Bronchitis, Tinnitus, Schnupfen und Mittelohrentzündung helfen. Wertvolle Bitterstoffe in der Pflanze unterstützen die Funktion von Magen, Galle und Bauchspeicheldrüse. Ein selbst hergestelltes Öl aus Gundermann Blüten und Blättern kann man zur Pflege von entzündlicher Haut, bei Hautunreinheiten oder zur Narbenpflege verwenden. Im Mittelalter war Angst vor Hexen weit verbreitet. Die Gundelrebe hatte den Ruf „hellsichtig“ zu machen und so hofften die Menschen mit einem gewundenen Gundelreben-Kranz auf dem Kopf in der Walpurgisnacht Hexen zu erkennen, um diese vertreiben zu können.

 

Wir binden den Gundelrebenkranz

und geh'n damit zum Hexentanz.
In der Walpurgisnacht gebunden,

werden durch ihn alle Hexen gefunden.

 

Wir gehen nur wenige Meter weiter und kurz vor dem letzten Anstieg auf den Hanauerstein erweckt eine Hecke unser Interesse – hellgrüne, frische Triebe sitzen an den Spitzen der Zweige:

 

Fichte (Picea abies)

Wie eine Lichtsäule, die zum Himmel reicht, so ist die Fichte. Früher wurde sie vor allem wegen ihrer mütterlich-schützenden und lebenserhaltenden Kraft geschätzt. „Guten Morgen Frau Fichte, hier bring ich dir die Gichte“ – so soll ein Rheumakranker seine Schmerzen dem Baum weitergeben. Die Fichtennadeln und das Harz sind in unserer Volksheilkunde nicht mehr wegzudenken. Aus dem Harz wird eine wunderbare Heil- und Zugsalbe gerührt und es wird als „Waldweihrauch“ zum Räuchern hergenommen. Die Nadeln werden in Erkältungsbädern, Hustensirups, Inhalationsmischungen und auch in Erkältungstees verwendet. Sie befreien die Atemwege, lösen den Schleim, mildern den Hustenreiz, fördern das Lösen von festsitzendem Husten und steigern die Abwehrkräfte. Die vielen ätherischen Öle in den Fichtennadeln verwöhnen unsere Nase mit einem wunderbar frischen, waldigen Duft. Jetzt dann, im Mai, ist es Zeit, die frischen „Mai-Wipferl“ zu sammeln und daraus einen wohltuenden Husten-Sirup für die Wintermonate herzustellen. Oder man taucht sie in flüssige, dunkle Schokolade, lässt die schokolierten Fichtenspitzen im Kühlschrank fest werden und genießt diese feinen „Wald-Pralinen“.

 

„Klingender Wegbegleiter und uralter Schutz“

 

Kurz bevor wir den kleinen Gipfel von unserem Schönauer „Haus-Bergerl“ erreichen hör ich hinter mir einen empörten Ausruf: „Oh, jetzt hab` ich mich an diesem schrecklichen Unkraut doch glatt gebrannt!“ Während ich die gebrennnesselte Stelle mit Spitzwegerichblättern (diese wirken juckreizlindernd und entzündungshemmend) versorge, erkläre ich der Runde:

 

Gewöhnliche Brennnessel (Urtica dioica)

Die Brennnessel wächst überall dort, wo viel Stickstoff in der Erde ist, zum Beispiel rundum den Komposthaufen, bei Misthaufen oder wo diese einmal gestanden sind. Die Brennnessel ist eine hervorragende Stoffwechsel-Pflanze. Und bevor man sich über sie als „Unkraut“ ärgert, sollte man sie einfach in den Speiseplan einbauen. Vor allem als Frühjahrskur wirkt sie Wunder, indem sie all die Schlacken des Winters aus dem Körper ausspült. Man kann sie als Brennnesseltee trinken, im Salat, in der Suppe und wie Spinat essen. Gut gewürzt und mit zusammen mit anderen Kräutern schmeckt das alles wunderbar und gibt frische Kräfte. Brennnesseltee ist ein beliebter Tee zur Entschlackung und Anregung des Stoffwechsels – hier muss man aber darauf achten, genug andere Flüssigkeit (am besten Wasser) zu trinken. Die Brennnessel brennt wegen der Brennhärchen, die bei der kleinsten Berührung abbrechen. Der Rest, der am Blatt sitzt funktioniert jetzt wie eine Spritze und spritzt Ameisensäure-Mischung in die Haut. Wenn man von unten nach oben über die Brennnesseln streicht, brechen die Härchen nicht ab und es brennt nicht.

 

„Sie beißt und sticht ganz schauderhaft,

doch hat sie auch geheime Kraft.“

 

Die letzten Schritte auf den Hanauerstein haben wir schnell hinter uns gebracht und genießen den wunderbaren Rundumblick. Wie so oft hör ich von den Einheimischen: „Hier war ich schon so lang nicht mehr, ich hab ganz vergessen, was für einen schönen Ausblick ich hier hab!“ und von den Gästen: „Die Steigung konnte ich ganz leicht bewältigen und wir müssen uns gar nicht anstrengen, um so einen schönen Blick auf die Berge und den Ort zu haben!“. Ja, der Hanauerstein ist vom Rathaus normalerweise in zehn Minuten „erklommen“, wir waren heute gemeinsam fast zwei Stunden auf Kräuter-Entdeckungs-Reise, bis wir an der kleinen Hütte am Gipfel angekommen sind.

 

Nachdem wir den einmaligen Blick ausgiebig genossen und einen Schluck Kräuter-Limonade getrunken haben, gehen wir wieder zurück zum Rathaus. Auf dem Rückweg tauschen wir uns über unterschiedlichste Erfahrungen mit Kräutern aus und ich kläre noch die eine oder andere Frage. Meine Gäste verabschieden sich und ich habe mal wieder das Gefühl, die Natur den Menschen ein wenig näher gebracht zu haben – das erfüllt mich immer wieder mit großer Freude und Zufriedenheit.

 

Vielleicht habt Ihr ja jetzt auch Lust bekommen, Euch in die Natur aufzumachen und zu schauen, ob Ihr das eine oder andere Heilkraut finden können.

Nutzt die Zeit - alleine oder mit ein oder zwei Familienmitgliedern könnt Ihr noch rausgehen.

 

Für das Sammeln der Kräuter möchte ich Euch gerne ein paar Hinweise mit auf den Weg geben:

 

Die richtigen Kräuter:

Wir sammeln nur die Pflanzen, die wir auch gut kennen. Bei leicht verwechselbaren und unbekannten Kräutern besteht Vergiftungsgefahr!

Das richtige Verhalten:

Wir sammeln auf keinen Fall geschützte Pflanzen! Wir nehmen nur so viel, wie wir wirklich brauchen und achten dabei besonders darauf, nicht den gesamten Pflanzenbestand abzuernten. Bei guten Sammlern sieht man nicht, dass Sie etwas geerntet haben. Wir sammeln die Pflanzen mit Fingerspitzengefühl und reißen sie nicht mitsamt der Wurzel aus, sondern ernten die Blätter sehr behutsam.

Der richtige Platz:

Wir sammeln nicht an stark befahren Straßen und an einer beliebten Hunde-Gassiroute, hier sind die Kräuter verschmutzt.

Die richtige Beförderung:

Am besten eignen sich Körbe, Stofftaschen oder Papiertüten. Ein feuchtes Küchentuch im Korb hält die Pflanzen länger frisch.

 

Ich wünsche Euch viel Zuversicht und Gesundheit für die nächsten Tage und Wochen - nutzt die Kraft der Natur und stärkt Euer Immunsystem.

 

Eure

 

Evi

 

 

 

 

 

 

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